*Auxiliatores - Eversor* _Prolog_ Der Chrysosthomusturm. WŠre da nicht die Ruine des romantischen Schlosses, wŠre er wohl unbestritten das Wahrzeichen Heidelbergs. Trotz Stahlbeton, Aussenskeletten und SpezialkrŠnen ist dieses uralte gotische GebŠude das hšchste bewohnte Bauwerk dieses Planeten. Niemand kennt den Ursprung des Turmes, der Historikern noch immer RŠtsel aufgibt. Weder zuvor noch danach wurde in gotischem Stil gebaut, und das fŸr Jahrhunderte. Wer erbaute ihn? Warum fand er weder in Literatur noch Dokumenten ErwŠhnung? Was war seine Bedeutung? Das Einzige was Geschichtsschreiber bis in die Mitte des 21. Jahrhunderts herausfanden war, dass seit Menschengedenken dieses GebŠude einer einzigen Familie gehšrte. Einer Blutlinie, die durch die Jahrhunderte existiert hatte. Der Name, den man heute mit ihr verband, war Weber. Und wŠre der weitlŠufige GebŠudekomplex westlich des Turmes der …ffentlichkeit zugŠnglich gewesen, so hŠtten noch mehr Leute die Gelegenheit gehabt, den letzten bekannten Nachfahren dieser Familie bei der AusŸbung einer TŠtigkeit zu beobachten, die zu seinem Beruf gehšrte. So war dies einer geringen Zahl von Menschen vorbehalten, von denen unser besonderes Augenmerk dem Mann mit den kurzen graubraunen Haaren gilt, der gerade die strengen Kontrollen der Wachleute am Osteingang des GebŠudes passiert hatte, und nun mit der Sicherheit der Gewohnheit auf eine unscheinbare PressspantŸre zutrat, deren unauffŠliges Schild den dahinterliegenden Raum hochtrabend als "Evaluation" auswies. In der "Evaluation" sassen zwei Damen vor einer vollverglasten Wand, die die Sicht auf den Trainingsbereich freigab, der in einer Halle von ungefŠhr 150m auf 100m Gršsse bestand. Eine der beiden wandte ihren Blick kurz von den zahlreichen Monitoren zu ihren FŸssen ab, die verschiedene Nahaufnahmen der VorgŠnge in der Halle zeigten: "Guten Morgen, Herr Becker" begrŸsste die Rothaarige den Mann, der auf eine Handbewegung hin auf dem dritten Stuhl vor dem Fenster platzgenommen hatte und mit der Hand durch seinen Borstenschnitt fuhr. Er zog eine gut gestopfte Akte aus seiner Mappe hervor, bevor er diese auf dem Boden neben dem Stuhl absetzte. "Die Beurteilungen." stellte die Andere - eine reifere Frau mit kurzen, aschblonden Haaren - wortkarg fest. "Ich habe die zehn besten herausgesucht." antwortete Becker, mšglicherweise etwas genervt. Er blickte hinab auf die Probanden, die dort unten den letzten von zahlreichen Tests bestritten, die Gefechtssimulation. Die Tests und †bungen, die die Agenten in dieser holographisch simulierten Umgebung zu durchlaufen hatten, waren diesmal besonders hart. FŸr die meisten Agenten lief es nicht besonders gut, da sie sich in einer sehr ungŸnstigen Position befanden: Jeder musste gegen zehn Gegner gleichzeitig antreten und dabei unschuldige Passanten schŸtzen. Es war ein ungewšhnliches Szenario, bei dem die Probanden nur eine Chance hatten, wenn sie ihr bestes gaben. Und selbst das war fŸr die meisten von ihnen noch keine Garantie fŸr Erfolg. Es gab allerdings drei Agenten, die seine Aufmerksamkeit erregten: Frank Weber, ein Schweizer, Patricia Wagner, eine Deutsche und Nikolej Charaschow, ein Russe. Diesen dreien schien der Test keine Probleme zu bereiten; Ausweichen, Erfassen und Schiessen gehšrten bei ihnen wohl zur zweiten Natur. Sie erfŸllten den Grossteil der Aufgaben mit Bravour, wŠhrend die anderen Fehler um Fehler begingen und ausschieden. Becker musste nicht in die Akten sehen, um zu wissen, was der Grund fŸr ihr hervorragendes Abschneiden war. Diese drei hatten ihre Ausbildung bei den Besten abgeschlossen: Frank Weber war Mitglied des schweizer Geheimdienstes, und der war bekanntlich der beste in Europa. Sonst hŠtte der END wohl auch kaum einen Agenten eines nicht-EU-Staates fŸr ihr Programm aufgenommen. Nun, er wurde dem Ruf seiner Ausbilder mehr als gerecht, er schnitt in diesem Test als bester ab. Nikolej Charaschow andererseits hatte am Tovarischtsch-Programm teilgenommen, einem speziellen, extrem harten Trainingsprogramm das eine spezielle russische Kampfsportart beinhaltete, die man hšchstens mit asiatischen Disziplinen vergleichen konnte. Und Patricia Wagner war von der Person ausgebildet worden, die das Vorbild jedes Geheimagenten war: Wolfgang-Walther Wilson. Selbst im innersten Zirkel des Bundesnachrichtendienstes gab es niemandem, dem es gelang alle globalen Krisen aufzuzŠhlen, die Wilson verhindert hatte. Und indem er diese junge Frau ausgebildet hatte, hatte er denen, die nah an das Ergebnis herankamen, schon die nŠchste Denksportaufgabe bereitgelegt. Endlich war der Test abgeschlossen. Es war der letzte Teil der Auslese fŸr das "Auxiliatores"-Projekt, einer Art internationaler Polizeitruppe, die gegen Verbrecher mit abnormalen FŠhigkeiten vorgehen sollte. Als die Hologrammprojektoren abgeschaltet wurden, prŠsentierte sich den drei Agenten ein Ÿberraschendes Bild: Alle anderen waren bereits ausgeschieden. Bevor sie noch Zeit zur Verwunderung hatten, kam ein Knacken aus den Lautsprechern, und Becker verkŸndete: "Ich darf ihnen dreien mitteilen, dass nach Auswertung der Berichte ihrer vorangegangenen Tests jeder von Ihnen erfolgreich die Aufnahmetests bestanden hat." es rumpelte ein wenig, dann meldete sich eine Frauenstimme: "Auch ich darf Ihnen gratulieren. Sie haben unsere Erwartungen bei weitem Ÿbertroffen. Wir hatten kaum mit zwei erfolgreichen AbschlŸssen gerechnet! Sie haben Grund zum Feiern!" Inzwischen war die dritte Dame unten in der Halle angelangt. "In 4 Stunden - also um 17:00 Uhr - werden sie in Ihren neuen StŸtzpunkt in Gaiberg gebracht. Ihre Arbeit beginnt natŸrlich sofort." auf einen fragenden Blick der anderen fŸgte sie hinzu: "Ihre Kollegen mit abnormalen FŠhigkeiten werden erst in sechs Monaten eintreffen. Sie mŸssen erst noch ihr Training abschliessen, da wir weder im END noch in der Armee irgendwelche Leute mit abnormalen FŠhigkeiten haben." In den nŠchsten drei Wochen wurden die Agenten mehr als Kollegen, sie wurden Freunde. Beim Gefechtstraining funktionierten sie wie eine Einheit. Jeder wusste genau wo der andere war, ob er gerade Hilfe brauchte oder helfen konnte, jeder konnte sich auf den anderen Verlassen. Das war auch nštig. Denn nun begann es ... *** Zuerst fluchte der Busfahrer. Fluchende Busfahrer waren nie ein gutes Zeichen. Im Gegenteil, meist waren fluchende Busfahrer der Grund, aus dem Reisen scheiterten, Menschen starben und Leute wochenlang in kleinen KŠffern mit Namen wie "Stein am Rhein" festsassen. Wobei letzteres wenigstens noch wegen seines Namens einige Pluspunkte auf der Skala erreichte. Auch diesmal hatte der Fahrer einen Grund, zu fluchen. Den hatten sie jedesmal, doch was es gewesen war, das den Bus an einem Sonntagnachmittag auf dem Heidelberger Rathausplatz festsitzen liess, daran konnte sich niemand mehr erinnern. Man erinnerte sich daran genausowenig wie an den Grund, aus dem das Schicksal sich entschieden hatte, Heidelberg zu einer der GrossstŠdte Deutschlands zu machen, in der keine einzige Werkstatt Sonntagnachmittags gešffnet hatte. Zuviel war schon vergessen worden, und in der Nacht auf Montag gesellte sich noch ein Ereignis dazu, das man nicht hŠtte vergessen dŸrfen. Es handelte sich um das Auftauchen eines Mannes, der in einen seltsamen Schutzanzug gehŸllt war, und mit Hilfe eines Riemens auf seinem RŸcken einen BehŠlter trug; ein GerŠt mit einem GehŠuse aus einem hellen, leichten Metall, zusammengehalten von einfachen Stahlschrauben. Nur das kleine LCD-Display, das die perfekte zylindrische Form durchbrach, liess erahnen, worum es sich handelte. Der Mann betrat beinahe lautlos den Bus, es war ein Leichtes fŸr ihn, die entsprechenden Knšpfe hinter der Stossstange zu betŠtigen, die die TŸren šffneten, und das Einzige GerŠusch war das Zischen der Luft die sich gegen die Kolben stŠmmte, begleitet durch das Quietschen der Gummiisolierung an der Unterseite der TŸren. Er nahm das GerŠt von seiner Schulter und drŸckte es gegen die LenksŠule, woraufhin es wie vorgesehen Wellen zu schlagen begann, als wŠre es flŸssig und nicht Metall. Die glŠnzende OberflŠche begann sich zu beruhigen, um dann mit einem dezenten Knacken von einem Moment auf den nŠchsten wieder zu dem perfekten Zylinder zu erhŠrten, dessen Form im 'GedŠchtnis' des Metalls eingebrannt worden war; Es war nun unverrŸckbar mit dem Fahrzeug verbunden, die MolekŸle des Zylinders mit denen des Armaturenbretts genauso wie der LenksŠule und dem Getriebe tief unten verwoben. _Kapitel 1 - Wer anderen eine Grube grŠbt..._ Sparmassnahmen sind eine wunderbare Sache. Der Gršsste Teil der BundesbŸrger hatte diesen Satz damals unterschrieben, als es darum gegangen war, Ÿber die Zentralisierung der zahlreichen SEKs zu entscheiden. Nun waren es dieselben, die nach dem Ereignis, das nun kommen sollte, am lautesten nach einer RŸcknahme dieser Entscheidung schrien. Nun, nachher ist man immer klŸger. Wer hŠtte denn auch nur ahnen kšnnen, dass die Bomben-Spezialisten der Polizei, die am nŠchsten an Heidelberg stationiert waren, leider gerade mit der EntschŠrfung eines BlindgŠngers beschŠftigt waren und frŸhestens in einer Stunde diesen Ort verlassen kšnnten. Ja wer nur ... ? Also benachrichtigte man zusŠtzlich das END-Team, das in einem Vorort von Heidelberg seinen Sitz hatte. Diese sprangen in ihre Uniformen und fanden sich am Tatort ein, ihr Werkzeug im HandgepŠck. Ihr Vorgesetzter, Wolfgang Walther-Wilson war bereits am Tatort eingetroffen. Und wies sie ein. Eine vorbeugende Evakuierung war bereits eingeleitet worden, und man hatte gršsste Vorsicht walten lassen, als man das Fahrzeug -- laut Fahrer mit einem Motorschaden liegengeblieben -- einer ersten Untersuchung unterzogen hatte. Das GerŠt sass bombenfest, und schien sich bis zu Achse und Getriebe hinab zu erstrecken. Aufgrund der geringen Ausmasse des Platzes war an ein Abschleppen des Fahrzeuges nicht zu denken. Gesetzt den Fall dass die Zeit ausreichte, wŠre es wohl mšglich den vorderen Teil des Buses abzutrennen, aber bevor dies in Angriff genommen wŸrde, wollte man sich Gewissheit verschaffen. "Wir wissen nicht, wie stark die Bombe ist, oder was sie auslšst. Seid also vorsichtig." schloss er seinen Sermon ab. Die drei traten vor den Bus, Frank untersuchte die TŸren mit Sorgfalt, zog dann einen Stichel aus seiner Werkzeugmappe und stach ihn durch die Gummiisolierung zwischen einem TŸrflŸgel und der Karosserie. Eine …lfontŠne spŠter hatte sich die TŸr gešffnet und liess die drei in das Innere des Fahrzeugs, wo die Bombe einen wahrlich seltsamen Anblick bot. Das grosse, zylindrische GerŠt schien als integraler Teil des Armaturenbretts mit dem Fahrzeug verschmolzen zu sein. Um es zu entfernen, hŠtte man den ganzen Bus in seine Einzelteile zerlegen mŸssen, was Stunden benštigt hŠtte. "Dir ist klar, ..." murmelte Niko, "dass wir hiermit die Chance versauen, den faulen Kerl auf dem BŸrgermeisterthron loszuwerden." und dann begann er, die Schrauben an den Seiten der Bombe zu lšsen, die er ausfŸhrlich betrachtet hatte. Er ging mit Šusserster Vorsicht zu Werke, da es bei Bomben mit solch einer starken Ummantelung zwar unŸblich war, dass sie ErschŸtterungssensoren enthielten, man aber nie sicher sein konnte. Seine kantigen GesichtszŸge verdunkelten sich. Er trat zur Seite, um Frank einen Blick auf die Bombe zu gewŠhren: "Ich glaube das ist eher was fŸr Dich. Mir summt der Kopf von dem Gewirr da drin." Frank, obwohl er der Elektronikspezialist des Teams war, schien ebenso unschlŸssig Ÿber den Inhalt dieser Bombe. Er kratzte sich am Kopf, ohne dabei die akkurat gescheitelten Haare durcheinanderzubrinngen. Vorsichtig schob er ein paar DrŠhte zur Seite, hinter denen eine grau-grŸn glŠnzende FlŸssigkristallanzeige Verborgen war, die 00:05:01 zeigte. Von dieser LCD einmal abgesehen handelte es sich bei den Komponenten der Bombe durchweg um modernste Technik. Zu moderne. "Beeindruckend." bemerkte Frank begeistert. "Ich habe noch nie so viele integrierte Schaltkreise und digitale Signalprozessoren in einer einzigen Maschine gesehen, geschweigedenn in einer Bombe." Er fand zwischen hunderten von DrŠhten, von denen einige in der Luft endeten, andere miteinander verbunden waren und wieder andere in wirren Schlangenlinien durch das Ganze GehŠuse zu fŸhren schienen, dutzende kolbenfšrmiger GlŠser, die eine violette, sprudelnde FlŸssigkeit enthielten, durch die stŠndig elektrische Spannung floss. Das sah ganz nach einer Art Elektrolyse aus. Die FlŸssigkeit schien einer, die die heidelberger Firma Chelecov-Technik herstellte, sehr Šhnlich zu sein. Diese FlŸssigkeit wurde hauptsŠchlich bei Sprengungen fŸr Bergwerke und Tunnels benutzt. 30 Sekunden unter Elektrolyse, und eine Reihe komplexer chemischer Reaktionen trennte sie in zwei Gase, die wiederum miteinander reagierten und eine krŠftige Explosion verursachen wŸrden. Aber diese FlŸssigkeit musste modifiziert worden sein. Nach den Berichten des Busfahrers und der šrtlichen Polizei musste diese Elektrolyse schon beinahe 23 Stunden laufen. Als Frank dies den anderen mitteilte, Schien Niko erleichtert: "Toll, dann mŸssen wir nur die Verbindung zu den Batterien trennen und wir sind das Dings los." UnglŸcklicherweise verzog Frank, der weiter die Bombe analysiert hatte, in diesem Moment das Gesicht: "Da ist noch ein Ršhrchen mit einer Chemikalie!" und wies auf ein kleineres Ršhrchen mit derselben FlŸssigkeit das sich direkt neben einem weiteren Ršhrchen mit einer seltsam golden schimmernden Lšsung befand. Der Stromkreis der Elektrolyse hielt ein Relais geschlossen. Sobald der Strom ausfiel, wŸrde das Relais šffnen, und einen Stromstoss aus einem Transistor, der in den letzten 23 Stunden sicher schon gut geladen worden war, in das letzte Glas schicken, und dort eine sofortige Explosion hervorrufen. Doch wenn dies geschah, wŸrde die Explosion geringer ausfallen und hšchstens das bereits evakuierte Rathaus zerstšren. NatŸrlich war auch dieses letzte GefŠss gegen die anderen gesichert, so dass es Selbstmord gleichkam, es vorher zu entfernen. Patricia, gerade von ihrer Suche nach weiteren unliebsamen †berraschungen zurŸckgekehrt, trat zu den beiden. Zwei RŸcken versperrten Ihr die Sicht auf die Anzeige, als das GerŠt auf einmal zu piepsen begann. "Gottfried Stutz!" fluchte Frank. "Wir mŸssen verdammt schnell machen!" empfahl Niko. 00:01:28 zŠhlte das Display herunter. "Sag ihnen, sie sollen alle Polizisten an das andere Ende des Rathausplatzes schaffen. Ich komme in zwei Minuten nach." "Tun wir!" bestŠtigte Niko, und Patricia und er stŸrzten aus dem Bus und eilten auf WWW zu: "Wir mŸssen die Bombe jetzt zur Explosion bringen, bevor sie ihre volle Kraft hat. Alles muss vom Platz, da er und das Rathaus im Explosionsradius liegen. Frank denkt, --" sie brach ab und sah zu Niko, der einen Feldstecher ergriffen hatte und wŸtend murmelnd den Bus betrachtete: "Was tut Frank da? Bitte sag' dass er nicht -- !" Er liess den Feldstecher fallen und rannte auf den Bus zu. Nun wurde auch Pat klar, was da vor sich ging: "Dieser Idiot!" sie rannte hinter Niko her. Auf halbem Weg zum Bus, hšchstens noch 10 meter entfernt, sahen sie wie Frank mit einer ruckartigen Handbewegung den Draht zu Hauptkammer der Bombe durchschnitt. Mit einem lauten Knall wurde Niko von den FŸssen gefegt und hoch in die Luft geschleudert. Panisch begann er, mit den HŠnden zu wedeln, um so mšglicherweise wieder auf den Boden zu gelangen, doch er konnte dem AufwŠrtsdruck der Explosion nicht entkommen. In letzter Sekunde ergriff er eine Strassenlaterne, an der er vorbeigeschleudert wurde und klammerte sich fest. Tausende Metallfragmente aller Grš§en schossen auf ihn zu, doch er spŸrte ihren Aufprall nicht. Die BustŸr wurde ihm entgegenkatapultiert, von den Druckwellen ausgebeult wie das Segel einer kleinen Yacht, und neben dem durchdringenden Gedanken des Festhaltens fand er im letzten Moment noch Platz fŸr "Ausweichen". Die TŸr verfehlte sein Bein um kaum zwei Zentimeter, und als er so nach hinten sah, erblickte er Patricia wie ein Banner an einer Laterne etwas weiter hinter ihm flattern. In einer Sekunde war er noch von donnerndem Sturm umgeben, im nŠchsten fand er sich in absoluter Stille auf den zerstreuten †berresten des Kopfsteinpflasters wieder. Es war so still, dass Niko schon glaubte, er wŠre taub, bis er das kratzende GerŠusch seines Atems bemerkte. Als trŠte er durch eine Nebelfront nahm die verschwommene Umwelt langsam wieder Form um ihn an. Es war vorbei. Er versuchte, sich zu bewegen. Linker Daumen ... ja. Linker Zeigefinger ... Bewegung. Linker Mittelfinger ... OK. Linker Ringfinger ... schmerzt etwas, vermutlich verstaucht. Rechter ... "Autsch!" Das tat weh. Nikolej hob langsam seinen Kopf und betrachtete seine HŠnde. Die Linke schien normal, abgesehen davon, dass der Ringfinger auf die Grš§e des Daumens angeschwollen war. Aber die Knochen der Rechten -- Er verlor das Bewusstsein. Patricia erhob sich umstŠndlich auf ihre zitternden Beine. Alles drehte sich um sie, sie war noch immer desorientiert. Ihr ganzer Kšrper schmerzte, als wŠre sie von einem Lastwagen Ÿberrollt worden. Durch ihren Kopf schwammen hunderte wirrer Gedankenfragmente, sinnloses belangloses Zeug. In einer mšglichst geraden Linie versuchte sie sich dem Bus zu nŠhern, bis ihr Blick auf etwas am Boden fiel ... "Frank!" Kaum drei Meter vor ihr lag sein matter Kšrper, vermutlich hatte ihn die Wucht der Explosion so weit getragen. Voll Aufregung stŸrzte sie auf ihn zu. Er schien als wŸrde er schlafen, wŠren da nicht seltsame Haarrisse die seine Haut durchzogen. Beinahe Šngstlich sah sie ihn von oben bis unten an. Da war noch etwas nicht in Ordnung. In einer Reflexbewegung hielt sie ihre Hand Ÿber seinen Mund. Sie spŸrte keinen Atem. _Kapitel 2 - Konstante VerŠnderung_ Nikolej spielte mit einem Bleistift, was gar nicht so einfach war, wenn man nur die linke Hand zur VerfŸgung hatte. "Diese blšden Doktoren mŸssen gebrochene Arme auch immer so einpacken, dass jede Bewegung unmšglich ist!" Wo er herkam hatte sich in dieser Hinsicht in den letzten fŸnfzig Jahren nichts geŠndert; ein Verband war das hšchste, was man dort bekam. Wer schleifte schon schweren Gips Ÿber den Permafrost, wenn man ihn nur alle Jubeljahre einmal brauchte? Fasziniert betrachtete er das weisse Zeug. Seltsam. Genauso seltsam wie Frank auf diesem Tisch. Stundenlang hatte Dr. L'Kelom jetzt schon damit verbracht, an Frank herumzuschneiden, zu verbinden und zu flicken. Und jedesmal wenn es schien, dass sie fertig wŠren, fanden sie eine weitere Fraktur. Doch es war ein Wunder. Die Wucht der Explosion hatte ihn gršsstenteils verfehlt. Das Rathaus war von der Explosion mit einem Ruck niedergerissen worden, der Bus war pulverisiert worden, nur eine StaubflŠche zeugte noch davon, dass er dagewesen war. Im VerhŠltnis dazu hatte die Bombe Frank kaum gekratzt. Dennoch hatte er keine intakte Rippe mehr, auch die Knochen seines Beins waren mehrfach gebrochen, ganz abgesehen von einer leichten SchŠdelfraktur, und dutzenden von tiefen Schnittwunden durch Holz- und Glassplitter, die wie Geschosse durch die Luft geschossen waren. Trotzdem, im Gegensatz zu dem Streifenwagen, den ein Rad des Busses wortwšrtlich halbiert hatte, ging es Frank blendend. Eigentlich mŸsste er tot sein. Aber vielleicht war er das auch schon. Auch Patricia konnte es nicht fassen. Unbeweglich stand sie nur da und sah den €rzten zu. Sie war nicht ansprechbar, und nur die hektischen Bewegungen ihrer Augen verrieten, dass in ihr noch Leben war. Und, dass sie die erste war, die den Chefarzt bemerkte, als er aus dem OP trat. "Wie--" Der Doktor unterbrach Patricia mit einer harten Handbewegung. So war es jedesmal gewesen, wenn er in den letzten Stunden den Raum verlassen hatte. Man sah ihm die Erschšpfung an, seine dunkle Haut glŠnzte von Schweiss wie der Toronto-See bei Sonnenuntergang. Nur, dass letzterer weder so viel Wasser enthielt, noch schwarzes Haar darauf war. "Soweit ich das als Chirurg sagen kann, ist er durch das Dickste jetzt durch." Patricias Gesicht gewann etwas Farbe zurŸck "Aber ich kann nichts EndgŸltiges sagen, bevor der Genetikspezialist ihn untersucht hat." "Genetikspezialist?" fragte Nikolej nach, seine harte Stimme von †berraschung getrŠnkt, "Was hat das mit Franks Verletzungen zu tun?" Die braunen Augen des Doktors wanderten von Pat's Gesicht zu Nikos, und das ein paarmal bevor er sich dazu durchrang es ihnen zu sagen: "Unseren vorlŠufigen Untersuchungen zufolge haben die Gase die wŠhrend der Explosion freigesetzt wurden in seinem Kšrper etwas verŠndert. So wie es aussieht, bis auf Zellebene; streng genommen wissen wir nicht einmal ob er noch ein Mensch--" er brach den Satz ab und blickte einen Moment voll Unbehagen um sich: "Nein, ich darf jetzt nicht spekulieren. Am besten sprechen sie mit unserer Psychologin oder unserem Seelsorger, die bekommen immer die neuesten Informationen und kšnnen sie ihnen auch besser vermitteln. Ich bin zu ausgelaugt um noch zu irgendwas zu gebrauchen zu sein. Ich wŸnsche Ihnen viel GlŸck." Mit diesen Worten schlurfte Dr. L'Kelom den Gang hinunter. "Vielen Dank, Doktor ... !" rief Niko ihm noch nach, doch er hšrte es nicht mehr. Der beste Chirurg der zur Zeit in Heidelberg zu finden war, von jeher ein krŠftiger junger Mann ging fort mit Schritten als wŠre er in den letzten sechs Stunden sechzig Jahre gealtert. Niko wandte sich um. Pat stand nicht mehr am Fenster zum OP. Wo war sie? Dann sah er die Couch gegenŸber des Fensters. Dort weinte Patricia. *** Inzwischen lief ein Mann in Strahlenschutzkleidung in einem verlassenen Lagerhaus in der Weststadt Heidelbergs auf und ab. Er nahm seinen Helm ab und fuhr mit seiner Hand durch seine kurzen Haare. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Nun ja, zumindest sofern es den Ausweichplan betraf. NatŸrlich wŠre es besser gewesen wenn die Bombe die Altstadt zerstšrt hŠtte, doch zumindest hatte er jetzt ein paar Versuchskaninchen an denen er die Wirkung des Gases beobachten konnte. Und falls sie nicht so wurden wie er sie wollte -- oder falls sie so wurden wie er wollte -- wŸrde er sie vernichten, und damit der ganzen Welt beweisen, dass er immer noch mŠchtiger war. Dass er sie alle vernichten konnte, wenn er nur wollte. Doch eins nach dem anderen. Erst mussten sie ihren Zweck erfŸllen. *** Dr. John Loup-Smith stŸrmte die Flure des Heidelberger Stadtkrankenhauses entlang. Seine Krawatte stand auf fŸnf vor elf, und er hatte noch immer nicht bemerkt, dass er ein altes Metallrohr anstatt seines Spazierstocks mitgenommen hatte. Sein alter Freund und UniversitŠtskollege Dr. Alkuin "Nhoj" L'Kelom hatte ihn wegen eines Falles angerufen, bei dem es sich nicht nur um einen Notfall handelte, sondern der auch ein wissenschaftliches Novum war. Mšglicherweise wŸrde er endlich einen dieser †bermenschen, wie die mutierten Menschen mit abnormalen KrŠften in der Presse genannt wurden, sehen. Tschernobyl war nur der Anfang gewesen. Nur verschwindend wenige der mutierten †berlebenden waren noch in der Lage gewesen Kinder zu bekommen. Noch weniger hatten es gewagt. Von den Kindern war wiederum ein Grossteil schon bald nach der Geburt gestorben. Doch selbst bei den †brigen hatten nur eine Handvoll erfolgreiche Mutationen stattgefunden. Erst seit den unglŸcklichen VorfŠllen auf RŸgen, der Insel die ein gigantisches Genforschungszentrum gewesen war, tauchten mehr und mehr vollstŠndig gesunde Menschen mit seltsamen FŠhigkeiten Ÿberall auf der Welt auf. Es gab Wissenschaftler, die unglaubliche Summen dafŸr zahlten, solch einen Menschen untersuchen zu kšnnen. John gehšrte nicht zu denen, doch auch er musste seine NervositŠt unterdrŸcken um nicht wie ein aufgeregtes Kind am Weihnachtsabend in den Raum zu stŸrmen, in den man den Mann gebracht hatte: "Unglaublich, dass er solch eine Explosion Ÿberlebt hat." Er nahm seine Instrumente aus seiner Aktentasche und hielt sie an verschiedenen Stellen Ÿber Franks Kšrper, bewegte sie auf und ab, nach links und rechts. Er vollfŸhrte diesen Tanz erneut. "Unmšglich." murmelte er. "Die komplette DNA bis auf molekulare Ebene hinab ist total verŠndert." Er nahm mit geŸbten HŠnden eine Blutprobe und fŸhrte einige Tests mit einem kleinen GerŠt durch, das er aus seiner Mappe holte. Er nahm eine weitere Probe. Immer noch nur unsinnige Anzeigen. Er kontrollierte die GerŠte, tauschte Filter aus, prŸfte die Batterien. Er fŸhrte die ganze Prozedur ein weiteres mal durch. WWW betrat den Raum. John bemerkte ihn nicht. Er konnte nur wie gebannt die seltsamen Ergebnisse ŸberprŸfen: Seine T-Zellen arbeiteten auf Hochtouren daran, altes Gewebe zu beseitigen, seine Augen hatten keine Iris, keine Pupille, nicht einmal die kleinste …ffnung. "Mit solchen Augen kann er doch gar nichts sehen. Blind wie eine Fleder--" Er brach ab. "Elektromagnetische Wellen?" "Heisst das, dass er blind ist?" erkundigte sich WWW. "Hmmm ?" Loup-Smith fuhr Ÿberrascht herum. "Mein Name ist Wolfgang Walther-Wilson, Dr. Loup. Ich bin sein Vorgesetzter." entgegnete Wilson. "Oh, ja... ich erinnere mich." murmelte Loup und wandte sich wieder seinen Maschinen zu, "man hatte mir gesagt, dass sie vielleicht ..." seine Worte verschwanden einen Moment im Nirgendwo als er konzentriert einen Teststreifen mit einem Tropfen Blut betrŠufelte. "Nun, um prŠzise zu sein..." er tupfte mit einem WattestŠbchen ein paar Hautschuppen von Franks Schulter und befšrderte sie in eine Petrischale "... nicht im Ÿblichen Sinn blind..." Er kramte in einer Schublade nach einem BlutdruckmessgerŠt und wickelte das Luftkissen um Franks Arm "... seine Augen nehmen kein sichtbares Licht mehr auf ..." gebannt lauschte er in das Stethoskop als der Zeiger des GerŠtes langsam wieder in die Ruhestellung zurŸckkehrte. "... sie emittieren eine andere Art von wellen ..." Er zog seine Uhr heraus und nahm Franks Puls. Wilson rŠusperte sich. "Und?" "... Šh was? Ach, ja... Šh. Nun, er hat allerdings Rezeptoren fŸr diese Art von Licht." Loup notierte schnell die Werte auf einem Notizblock in eine Liste dutzender genau gleich aussehender Zahlen die genausowenig angeschrieben waren bevor er fortfuhr: "Er wird wohl keine Farben mehr sehen, aber er braucht auch kein Licht mehr, um zu sehen. Seine Augen senden das 'Licht' aus, es wird reflektiert, und die StŠrke des zurŸckgeworfenen Lichts wird ihm ziemlich genau Auskunft Ÿber Entfernung und OberflŠchenstruktur geben. Wie Radar, wenn ich so eine ungenaue Approximation involvieren darf..." Er ging Ÿber die Zahlen auf seinem Block und begann herumzurŠtseln, was wohl welcher Wert war, machte einige unleserliche Kringel zwischen die Zahlen zur ErklŠrung, strich einige wieder durch und fuhr dann fort: "Abgesehen davon scheint seine Haut stŠrker geworden zu sein. Ich denke, deshalb hatten die €rzte auch solche Probleme mit den Nadeln und Skalpellen, einige male sollen die ja ohne eine Kratzer zu verursachen abgebrochen sein. Ich glaube, gegen Ende mussten sie mit TitannŠgeln arbeiten, wenn ich mich recht entsinne. Ab zwanzig Meter wird er wohl so schnell keine kugelsichere Weste mehr brauchen ..." grinste Loup. Wilson wusste diesen Humor nicht zu schŠtzen. In diesem Moment Šchzte Frank. "Herr Wilson? Ich denke, sie sollten ihm das beibringen, wŠhrend ich seine Freunde hole--" murmelte Loup und verliess fluchtartig den Raum. Ê _Kapitel 3 - Wer Wind sŠt ..._ Als Frank eine Woche spŠter aus dem Krankenhaus entlassen wurde, rief der Mann im Strahlenschutzanzug nach seinem Gehilfen. Er hatte gerade eine geringe Dosis einer golden schimmernden FlŸssigkeit in ein kleines Reagenzglas gefŸllt: "Incorruptus! Verdammt, wo steckst Du!" Ein dŸnner Mann trat hinter einer gewaltigen Maschine hervor. Er trug einen seltsamen Anzug auf dessen Brust stilisierte Flammen gezeichnet waren, des weiteren eine Maske, die sein ganzes Gesicht verdeckte, nur fŸr seine Augen befanden sich dort Aussparungen aus milchig-weissem Material. Er trug eine weisse Atemschutzmaske, die seinen Mund und seine Nase bedeckte. "Da bist du ja! Kannst du nicht antworten?!" Der Mann gab keinen Laut von sich. "Ich sehe, du hast Deinen Sinn fŸr Humor immer noch nicht wiedergefunden. Nun komm, mein stummer GefŠhrte. Dein Mangel an StimmbŠndern und Humor verhindert leider, dass du mein Nachfolger wirst, aber du kannst mir dennoch sehr nŸtzlich sein. Ist die Bombe fŸr die grosse VorfŸhrung heute nacht bereit? Die 'Berlin II' wartet nicht ewig so geduldig." Der Gehilfe neigte seinen Kopf. "Gut. Nun, ich muss meine Position als Geheimagent wieder einnehmen. Heute abend um elf Uhr bist du am vereinbarten Treffpunkt." Incorruptus neigte seinen Kopf ein weiteres mal. "Grossartig. Nun sei ein braver Junge und leg den Virus Intelligentiarum in den Safe zurŸck." Er gab das gršssere der zwei BehŠltnisse mit goldener Lšsung seinem Gehilfen und wandte sich ohne ein weiteres Wort um und verliess das Lagerhaus. *** Das Schicksal hatte es die letzten Tage gut mit den drei Agenten gemeint. Nach eingehenderen Untersuchungen hatte Dr. Loup festgestellt, dass es allen dreien den UmstŠnden entsprechend gut ging. Allerdings hatte er auch ein paar kleinere Mutationen bei Niko und Pat festgestellt, was bei beiden leichtes Unbehagen hervorgerufen hatte. Diese schienen jedoch keine so fundamentalen VerŠnderungen wie bei Frank hervorgerufen zu haben. Genauer gesagt hatte er keine aus diesen VerŠnderungen resultierenden Nebenwirkungen feststellen kšnnen. Es handele sich um harmlose zusŠtzliche Gen-Sequenzen die keine weitere Wirkung hŠtten. Er hatte Niko noch etwas gegen seine zittrigen HŠnde gegeben, und Pat ein paar †bungen empfohlen die ihr helfen sollten, gegen ihre Konzentrationsprobleme anzukommen, und mit ihnen regelmŠssige Termine vereinbart, um sicherzugehen dass alles in Ordnung war. Sie waren gerade zum Hauptquartier zurŸckgekehrt, als der Alarm losging. Niko musste Frank die Meldung vorlesen: "Angriff auf die Berlin II - Eine Person - zwei Soldaten mit blossen HŠnden getštet - Vermutlich Verbindung zu Anschlag auf das Rathaus" Als Patricia und Frank dies hšrten, waren alle Mahnungen des Arztes, erst noch eine Weile kŸrzer zu treten, vergessen. Sie eilten hinter Niko in richtung Garage. Als sie in den Flur traten, begrŸsste sie ein lautes Donnern und Staub, als wŠre eine Mauer eingestŸrzt. TatsŠchlich war dem auch so. Brandgeruch und eine Note von Ozon lagen in der Luft. Sie sahen Nikolej vor einem Loch in der wand stehen. Verdutzt starrte er seine geballte Faust an, als wŠre sie eine sprechende Zwiebel. "Der Flur macht doch so'n nutzlosen Schlenker ... und ich hab meine Faust gehoben und gedacht: am liebsten wŸrd ich diese Wand einfach einhauen um ne AbkŸrzung zum Parkdeck zu haben..." Er blickte kopfschŸttelnd durch das Loch in Richtung des Vans: "Da kam plštzlich dieser schwarze Blitz aus meiner Hand und haut die Wand ein." Einen Moment wusste niemand, was er sagen sollte, dann meinte Frank: "Darum kšnnen wir uns wirklich spŠter kŸmmern. Wir haben erst noch etwas zu tun!" Pat und Niko blickten Frank an, der durch das Loch stieg, zšgerten einen Moment und folgten ihm dann. *** Der Mann im Strahlenschutzanzug schritt ungeduldig Ÿber das Deck der Berlin II. Es hatte fŸr ihn kein Problemn dargestellt, die um die fŸnfzig Soldaten die das bestbewaffnete Schiff Deutschlands bewacht hatten zu ŸberwŠltigen. Aber sein Helfer, Incorruptus, fehlte. Er sollte doch bei dem was nun kam helfen. Der Mann šffnete den Leichensack, den er mit sich trug. WWW lag darin. Sein Gesicht war gezeichnet und verzerrt von einem Virus der Schritt fŸr Schritt und Zelle fŸr Zelle die Teile seiner DNS ersetzte, die noch darauf schliessen liessen, dass dies einmal der Top-Agent Wolfgang Walther-Wilson gewesen war. Er war nicht bei Bewusstsein. "Nun, Herr Wilson, da sehen sie wohin es sie bringt, sich auf jemand anderen als sich selbst zu verlassen. Ich verliess mich auf Incorruptus um mir zu helfen wenn Ihre Agentenfreunde eintreffen, und wo ist er? Wahrscheinlich spielt er wieder mit seinen ElektrogerŠten. Und sie haben sich auf ihre 'Auxiliatores', diese albernen Geheimagenten verlassen, damit die sie retten. Und wo sind die?" "Genau hinter dir, Mšrder!" durschnitt Franks Stimme die Luft. "DŸrfen wir uns vorstellen? Wir sind die Auxiliatores, die spezielle Eingreiftruppe wenn es um kriminelle '†bermenschen' geht." "Ich weiss, wer Ihr seid, Kinder. Aber wo sind meine Manieren!" grinste der Mann "Ich bin der Eversor. Ich habe Euch geschaffen! Ich habe Euch durch mein Gas zu etwas gemacht, was mehr als nur ein Mensch ist!" Seine durch einen Synthesizer fast bis zur unverstŠndlichkeit verzerrte Stimme schien sich mehrmals zu Ÿberschlagen. "Kinder? Ich bin nicht das 'Kind' eines VerrŸckten!" Niko ballte seine Faust, die Muskeln seines Gesichts waren sichtlich angespannt. Er war kurz davor sich auf den Eversor zu stŸrzen und auf ihn einzuschlagen bis sein Helm einbrach. Doch der Eversor trat einfach nur zur Seite. Einen Schritt. Und Gab damit den Blick auf eine weitere dieser Zylinderfšrmigen Bomben frei, die mit dem Boden des Decks verschmolzen war. Das Display zeigte drei Minuten. "So undankbar! Ich habe Euch zu †berlebenden gemacht, zur perfekten Lebensform. Einem neuen Zweig der Evolution! Eine ganz neue Spe--" Nikos Kopf glŸhte vor Zorn. Seine linke Faust traf auf seine HandflŠche, und er drŸckte die HŠnde gegeneinander, schwarze Blitze spielten zwischen seinen Fingern, verbrannte Luft rieselte als Asche auf den Boden. Auf einmal schienen die Blitze seine Hand wie eine Kugel zu umkreisen, und dann brach ein breiter schwarzer Strahl aus der Vorderseite der Kugel aus, die Luft flimmerte vor Hitze und von einem gewaltigen schwarzen Blitz getroffen schleuderte es den Eversor mit einem gellenden Schrei von Deck, eine AschenfontŠne rieselte in das Rot der BlutpfŸtze auf dem Quai. Niko und Pat standen einen Moment wie versteinert da, als sie von Franks Ruf aus ihrer Lethargie gerissen wurden: "Alle vom Schiff!" rief er und versuchte hektisch, WWW aus dem Leichensack zu entwirren. Der war inzwischen Aufgewacht und trug mit seinen desorienterten Bewegungen nicht gerade zu seiner Befreiung bei. Als Frank endlich den leeren Sack in HŠnden hielt, stiess er WWW in Richtung der Reling: "Schnell, springen sie!" Rief Frank. Doch Wilson hšrte nicht. "Los!", "Ins Wasser!" ermutigten ihn Pat und Niko. "Ich werde Euch vernichten! Damit alle sehen dass ich der MŠchtigste bin!" schrie Wilson. Da packten Niko und Pat ihn bei den Armen und versuchten, ihn gewaltsam Ÿber die Reling zu hieven. Die Zeit war zu knapp fŸr Hšflichkeiten. "Was?!" fauchte Wilson und mit einer unglaublichen Kraft stiess er seine Arme nach vorne und katapultierte die beiden Auxiliatores von Bord. Platschend landeten sie einige Meter tiefer im Wasser. "Wilson! Springen sie!" schrie Frank. Die Uhr war bei fŸnf Sekunden angelangt. Plštzlich ging eine VerŠnderung durch WWW. †berraschung und Desorientierung kŠmpften erneut um sein Gesicht. Frank lief die Zeit davon. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, stiess er den abgelenkten Wilson Ÿber das GelŠnder. Dann blickte er zurŸck auf das Display: 00:00:02 00:00:01 00:00:00 Patricia konnte es nicht mit ansehen. Sie wandte ihr trŠnenŸberstršmtes Gesicht ab. Als die erste Explosion Frank erwischt hatte, war sie verzweifelt gewesen. Doch als sie ihn dann vor sich liegen gesehen hatte, kaum einen Kratzer von aussen, da hatte sie schnell neuen Mut gefasst. Doch nun? Frank hatte direkt vor einer Bombe gestanden, die ein Schiff voll mit Munition, Raketen und Torpedos, zerschmettert hatte. Es war wie ein Feuerwerk. WWW schien dies alles nicht zu berŸhren. Er schwamm auf die Quaimauer zu, kletterte flink an ihr hoch und verschwand in den wirren Gassen des Hafenviertels, sein wahnsinniges GelŠchter schallte bis zu den Docks. Niko hatte bereits aufgegeben, die TrŠnen aus seinen Augen zu wischen. Er konnte sie nicht aufhalten. Wie durch den TrŠnenschleier die wiederholten Explosionen das Schiff zerrissen, ihre blendende Helligkeit seine Augen schmerzte, konnte er nicht fassen, dass dies wirklich geschah. *** Es war ein regnerischer Novembertag. Sechs Wochen waren vergangen, und der Park um den Chrysosthomusturm war beinahe wie ausgestorben. Wer ging schon gerne in einem matschigen Park spazieren, besonders wenn dort gerade eine Beerdigung stattfand. Patricia Wagner fŸhlte sich seltsam, als sie aus ihrem Auto stieg. Sie und Frank waren oft hierher gekommen, zum Park, in den Turm. Dies war Franks zu Hause gewesen. Jahrhunderte war der Turm alt. Mit Sicherheit Šlter als Heidelberg selbst, sogar Šlter als das Schloss. Und schon seit die Geschichtsschreibung sich daran erinnert, gehšrte er der Familie Weber. Dieser Turm hatte seinen Teil an Geburten, Beerdigungen, Hochzeiten und Kriegen miterlebt. Die weitreichenden Tunnelsysteme darunter hatten als Zufluchtsort fŸr Verfolgte genauso gedient wie als Passage fŸr Schmuggler. Aber jedes mal wenn ein Weber gestorben war hatte es einen weiteren gegeben, der hier seinen Platz eingenommen hatte, in diesem gotischen Turm, der sich himmelwŠrts erstreckte als wolle er den Turm von Babel eifersŸchtig machen. Doch diesmal fand sich niemand, der die Familientradition fortfŸhren wŸrde. Der letzte der Webers war gestorben, ein Schweizer, in den USA geboren und nach Deutschland gekommen als sein Onkel gestorben war. Oder doch nicht? Als Patricia auf das grosse Holzportal des Turmes zutrat, stand einige Meter weiter hinter einem Baum verborgen ein Mann mit langen, blonden Haaren. Seine €hnlichkeit mit Frank, wenn auch nicht ŸbermŠssig, war nicht zu leugnen. Sein linkes Auge leuchtete in der DŠmmerung. Die Stimme, die zu diesem etwas schmaleren Gesicht gehšrte, klang beinahe wie Frank: "Das war es also. Bruder." von M. Uli Kusterer, .